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Ich bin dumm vor Glück. Oft bin ich auch dumm vor Angst, dann wiederum vor Glück. In meiner Ostheimat ist man nur dann dumm vor Glück, wenn es gelingt, nicht frieren und nicht  hungern unter einen Hut zu bringen. Sozusagen Houdini zu sein und gleichzeitig zwei Hasen aus dem Hut zu ziehen. Sozusagen Sklave und Herr, Hase und Magier, tot und lebendig. Dumm vor Angst ist man eh immer. Und der einzige Ausweg ist, Emigrant zu werden, sozusagen sehnsüchtig, sozusagen ein Leben lang oder dann Emigrant zu sein, aber nach innen. Sich zusammenzufalten und wegzustecken.

In diesem Europa der Gleichen, einem mildherzigen Mickey Mouse Paradies, kenne ich einen, der in der Stadt meiner Kindheit mit 34 Jahren vor Armut alle Zähne im Mund verloren hat, am Versumpfen ist und früher mein bester Spielgefährte war. Der Mund hängt ihm schief im Gesicht. Der Mund seiner Frau ebenso und auch der Mund der Tochter, aber wegen der Milchzähne. Ein Engel ist die, als ob Licht sprechen könnte. Wenn ich sie besuche, einmal im Jahr, strahlen sie alle drei. Alle drei mit schiefen Mündern. Familienphoto.

Ich fühle soviel Wut, mein Gott, soviel Trauer, weil ich nur meine eigene Haut zu retten wusste. Weil ich es nicht besser weiss, als ihnen Jahr für Jahr zu erzählen, wie dumm vor Glück ich bin. Aber ich schätze, Mein Gott ist hier fehl am Platz, Mein Gott soll schauen, wo er sich verkriecht, damit er mir nicht den Buckel runterrutscht. Mein Gott war er nie, immer Mein Gott der anderen. Nur wenn ich dumm vor Angst bin, murmele ich manchmal Mein Gott. Jedem seine eigene Verlogenheit. Mein Gott, wie sehr ich erschrecke, wenn ich das schreibe.

Dieses Jahr habe ich meinem Freund meinen Roman gebracht und alle Stellen unterstrichen, in denen er vorkommt. Deutsch kann er nicht. Ich habe erzählt, was für einen Erfolg ich mit meiner Heimat habe. Wie gut ich sie verwertet habe. Literarisch sozusagen. Er hat erzählt, dass die Eltern bei ihnen einziehen werden, weil gemeinsam hungern lustiger sei. Die Kleine hat neben uns Phantasiespeisen gekocht und mich kosten lassen. Kinderglück. Dann habe ich ihm 100 DM gegeben und gesagt habe ich „Ich hab`s, du braucht`s.“ Er hat die Hand hingehalten. Für einen Augenblick fühlte ich mich wie Mein Gott. Das Buch hat er gestreift. Wunderzeit heisst es. Gemeint ist die, die hinter uns liegt. Die Zeit der Kindheit. Jene, die vor uns liegt, ist nicht gemeint.  



Heimat. Diese verschlungene Vorstellung, die Intellektuelle in Europa von sich weisen, als ob Hitler ihnen immer noch im Nacken sässe. Oder die geistig beengten Väter. Dieser Gebrauchsgegenstand des Politikers Blocher und anderer geschickter Dummdenker, die uns damit geisseln, weil wir, wenn wir nicht wie sie enden wollen, heimatlos werden müssen. Wie geschickt entziehen sie uns Heimat, besetzen sie mit der eigenen Behebigkeit und verwandeln sie in einen Unort.

Durch mich hingegen geht der Strom, wenn ich mich ostwärts denke und bewege. „Ich bin wie elektrisiert“, sagte einer, als wir uns vor kurzem in unserer gemeinsamen Heimat trafen. Unsere Augen waren aufgerissen, damit möglichst viel darin Platz fand. Nun, dies könnte bloss das Schicksal zweier nostalgischen Emigranten sein, und Emigrantendenken ist immer auch nostalgisches Denken. Wenn nur nicht diese Ahnung durch mich ginge, dass es sie gibt: die konkrete, aktuelle und sinnliche Heimat.

Ich gehe mit der Heimat unbekümmert um wie ein Kind. Ich leiste mir den Luxus, die dortige Misere als die eigene zu erkennen. Die zerfurchten Gesichter der Bauern, die Landschaften, die Frauen, die mich magisch anziehen, weil sie etwas Unaussprechliches an sich haben. Die Ruhe in mir, wenn ich Heimatsprache spreche, weil ich fehlerfrei sein darf. Die Erzählkunst und Gewitztheit meiner Leute, mit oder ohne Schnapszufuhr. Ihre Zahmheit, Leidenschaft, Brutalität und Niedertracht.

Deutsche sagten mir, dass sie nicht wagen, Heimat zu denken. Als ob sie dadurch mit Hitler gemeinsame Sache machten. Siebenundfünfzig Jahre, nachdem der an Gift starb. Leider nicht an seinem eigenen. Heute noch feiert er Siege und ist nicht tot zu kriegen, weil ihm ganze Generationen weiterhin aus der Hand fressen. Weil er die Zonen des Sagbaren und des Unsagbaren bestimmt. Die Zone der Angst, man könnte auch ein Unter-Umständen-Kleinhitler sein. Wer könnte es von vornherein ausschliessen? Ich nicht.

Mir sagen welche, junge, dass auch das Kaffeehaus oder das Kino Heimat sein können. Unfug. Solche Orte waren immer Heimat für Heimatlose. Verlorene, Suchende, Exilierte. Ein verdünnter Ersatz. Ich weiss es: ich habe die eine Hälfte meines Lebens im Kino und die andere im Kaffeehaus verbracht. In Zürich. In Lokalen wie Auffangbecken für billige Existenzen. Alles brave Menschen, aber hinter der Schminke bereits das Greisenalter.

Aufgerieben zwischen den dünnen Gedanken einer gesättigten urbanen Jugend und den giftigen Gedanken chauvinistischer Geister geht die Heimat bald ein. Virtualität oder Nationalismus. Und ich? Ich gehe auf Heimatkur. Habe ich Ihnen schon erzählt, wie gerne ich meinen Landsleuten zuhöre, wenn sie mir ihre Geschichten geben. Wach, gespannt und zutiefst bewegt. Nostalgie oder Realität? Der Teufel weiss es.





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