Am 15. Februar 2008 erscheint Zaira als Spitzentitel des deutschen Beck Verlages.
Catalin Florescu bekam die Auszeichnung Dresdener Stadtschreiber zwischen April und September 2008. Darüber hinaus bekam er das Stipendium Esslinger Bahnwärter für die Monate Oktober bis Dezember 2008.
Im kommenden Herbst 2006 wird "Der kurze Weg nach Hause" in der rumänischen Sprache erscheinen.
Im Frühjahr 2007 wird dann auch "Der blinde Masseur" in Holland, Spanien, Italien und Rumänien erscheinen. Im Verlaufe des 2008 wird die französische Übersetzung verfügbar sein.
Die Irrfahrt - aus der blinde Masseur
Es gab noch ein Körnchen Schönheit. Solange ich das dachte, war ich sicher.
Ich hatte die Grenze seit zehn Minuten überschritten. Der Pope sass neben mir und roch nach Knoblauch. Der Knoblauchgeruch wanderte von seinem Magen hinauf in seinen Rachen, dann in den Mund. Er hüllte uns darin ein, mich, seine Frau, den Jungen, den alten Waldarbeiter und sich selbst. Wenn er so weitermachte, würde ich ohnmächtig werden und gegen einen Baum fahren. An Bäumen mangelte es diesen Strassen nicht, an Kreuzen ebenso wenig.
Es waren wilde Landbäume, die nach allen Richtungen wuchsen, nur die Landkirchen wuchsen in den Himmel. Sie hatten Rückgrat. Unter den Bäumen standen Kreuze. Jedes Kreuz hatte seine Familie. Sie versammelte sich rundum und flüsterte: Hier ist es passiert. Der Ärmste. Dann erzählten sie sich das Leben des Ärmsten. Das waren dann Bäume mit Geschichten.
Alle paar Kilometer war das Land mit Toten gespickt, bis die erste Hilfe zu spät kam, lagen sie da und warteten. Vielleicht war das nicht der schlechteste Ausgang, wenn man aus dem Leben wollte. Man lag im Schatten, ein kleiner Wind kam und auch der Teufel, der nachschaute, ob er einen mitnehmen konnte.
Ich erinnerte mich, dass ich in meiner Jugend gesehen hatte, wie die Bauern Mohnsamen in den Sarg legten, damit der Tote sie abzählte und sich so vom Abschied ablenkte. Wie man aus den Mohnsamen das Schicksal des Neugeborenen erfuhr und die Anzahl der Münder, die man in seinem Leben füttern würde. Die Bauern glaubten an so etwas, dagegen konnten die Kommunisten nichts ausrichten.
Der Pope war für eine letzte Ölung gerufen worden, und er hatte gleich die ganze Familie mitgenommen. Es war eine Art Ausflug für Gott.
Der Mann ist an seinem bösen Herzen gestorben. Er hat niemandem etwas gegönnt, meinte der Pope, nachdem wir eine Weile gefahren waren.
In seinem Gebet aber hat der Pope nur das schwache Herz zugelassen, danach gab es reichlich Knoblauch, den er nun in meinem Auto los wurde. Insofern hatte auch ich etwas von der Ölung.
Ich beschleunigte und sah uns alle unter einem prächtigen Baum liegen, das Auto zertrümmert, über uns schwebte Knoblauchgeruch und vermischte sich mit den Gerüchen des Feldes. Bis man uns barg, musste man warten, damit er sich verdünnte. Dieses Land lag unter einer dichten Geruchsglocke. Sie wappneten sich alle täglich gegen den Teufel. Der hätte längst auswandern können, aber er harrte aus. Er liess sich Zeit. Die Zeit spielte ihm in die Hände.
Die Schuhe des Popen glänzten, ihm aber war das nicht genug, denn er rieb sie an den Hosenbeinen, zog sie aus, spuckte darauf und polierte sie mit dem Ärmel. Im Bart blieb ein bisschen Spucke hängen, die er mit der Hand wegwischte. Jetzt hatte er bespuckte Hände. Die Schuhe waren ihm wichtig, das merkte man gleich. Sie mussten ihn noch durch viele Ölungen und zu vielen gedeckten Tischen tragen.
Der Weizen schoss hoch, grün und zuoberst schon flaumig. Die Mohnblumen waren in der Luft aufgehängt, wie winzige Explosionen in Rot. Das Land war flach wie eine Handfläche, nach allen Richtungen sah man nichts, was den Blicken widerstand. Es war Mai, aber die Geschäfte, die mich hierher führten, waren keine Maigeschäfte, bei denen das Herz in Liebe höher schlug.
Seit Februar 2005 ist Wunderzeit auch in der rumänischen Sprache erhältlich. Das Buch ist im POLIROM Verlag erschienen und wurde durch die Medien Presse, Radio und TV mit grossem Interesse aufgenommen. Catalin Dorian Florescu weilt von März bis April in Rumänien.
"Catalin Dorian Florescu aus Zürich erhält den mit 12.500 Euro dotierten Anna Seghers-Preis 2003 für deutschsprachige Literatur. Die Preisverleihung fand am 23. November 2003 in der Akademie der Künste, Berlin, in Anwesenheit der beiden Kinder Anna Seghers - Dr. Pierre Radvanyi und Dr. Ruth Radvanyi - statt. Die Laudatio sprach Dr. Angela Drescher als Jurorin des Anna Seghers-Preises für deutschsprachige Literatur. Florescu - begründet Dr. Angela Drescher ihre Entscheidung - ist ein leidenschaftlicher Erzähler, der das Wundern nicht verlernt hat.
"Seine Biographie zwischen Ost und West, zwischen dem Wunderland der Kindheit und dem der Verheißung, hat ihn gelehrt, dass hinter dem Schlagbaum einer Diktatur nicht die Freiheit beginnt, sondern ein anderer mühevoller Alltag, eine andere Art Angst, Einsamkeit und Sehnsucht. Dass er von der Suche nach dem richtigen Platz in der Welt - ob er nun in Rumänien liegt, in Amerika oder in der Schweiz - in seinen Romanen so beeindruckend bildkräftig mit zärtlicher Melancholie, respektvoller Genauigkeit und lakonischer Komik erzählt, macht ihn bereits jetzt zu einer unverwechselbaren Stimme in der deutschsprachigen Literatur“
Sehr geehrte Damen und Herren,
Sehen wir ab vom grossen schriftstellerischen Können von Anna Seghers. Von ihrem untrüglichen Gespür für dramaturgischem Aufbau, der uns um Georg Heislers Rettung in Das Siebte Kreuz bangen lässt. Von ihrem Verständnis für die Widersprüchlichkeit des Menschen, das die Fischer aus St. Barbara - lange bevor sie Angehörige einer Klasse, Ausgebeutete, Subproletariat sind - als Opfer aber gleichzeitig auch als Täter zeigt: roh, abgestumpft, widerwärtig. Erst das macht die Literatur jenseits der Übernahme platter Ideologie in die Kunst zu einer mehrdimensionalen Lektüre. Erst dann wird Literatur zu einer glitschigen Angelegenheit für jede ideologische Vereinnahmung. Der Text wird Widerstand leisten und wird sich nicht einordnen lassen.
Sehen wir weiter davon ab, dass die Seghers hervorragend schreibt: kurz, glasklar, geerdet, alles in allem ein filmisches, sinnliches Schreiben, das einen sofort in seinen Bann zieht. Wenn ich ihre Bücher lese, hat die Sprache eine klare Gestalt und ist gegenwärtig. Gleichzeitig, ohne dass das ein Widerspruch ist, wirkt sie transparent und die Dinge dahinter zeigen sich umso deutlicher.
Wenn ich schreibe, dann bemühe ich mich mit meinen Mitteln genau darum: gegenwärtig zu sein und transparent. Meine Muttersprache, Rumänisch, ufert aus, verliert sich in Metaphern, Assoziationen und Verspieltheiten, sie ist launisch und sprunghaft, wunderschön für Verliebte und Poeten. Es war keine bewusste Entscheidung auf deutsch anders zu schreiben: knapp, lakonisch, pointiert, mich zu disziplinieren und die Eigenarten des Rumänischen nur kontrolliert und tröpfchenweise zu übernehmen. Fehlen dürfen sie jedoch nicht, und es ist mir ein liebes Kompliment, wenn man meinem Schreiben die Latinität anmerkt.
Es war eher ein Instinkt für das, was wirksam ist. Der Instinkt von einem der mehr durch Filme als durch Bücher gegangen ist und seinen Verstand für die Magie des Wortes an der Magie der Bilder geschärft hat. Denn ich schreibe oft so, als ob ich eine Filmkamera in der Hand hielte. Im Prinzip bin ich dabei, Filme zu drehen, nur billiger als die auf Leinwand. Dass ich ins Deutsche eingewandert bin, kommt mir zur Hilfe, denn dadurch entsteht die optimale Nähe – um nicht Distanz zu sagen – zu dieser Sprache. Staunend wie ein Kleinkind mit seinem Spielzeug drehe ich sie auf alle Seiten und prüfe, wie man sie auch anders zusammensetzten kann. Das ist gut für mich, es verjüngt mein Schreiben, weitere solcher Impulse wären aber für die deutsche Literatur nötig, denn zu oft wird sie grimmig, verkopft, abstrakt betrieben und entfernt sich vom Sinnlichen, Unmittelbaren, Lustvollen und Kindlichen. Seghers schreibt so, dass man mit ihr mitten im Geschehen steht. Deshalb fühle ich mich bei ihr gut aufgehoben.
Sehen wir von all dem vorerst ab, ohne aber zu vergessen, wie wichtig auch schon durch diese Befunde Anna Seghers für uns junge Schriftsteller wäre. Denn leider gewinnt heutzutageoft die Pose, und derjenige, der sie als Verkaufsartikel entdeckt hat, bleibt gerne dabei. Die Magie des Wortes, die intensive, sinnliche, nah am Geschehen sich entfaltende Erzählung, sollte man der Pose entgegenstellen.
Und wie steht es mit der Magie des Inhalts? Denn es ist vor allem der literarische Inhalt, der mir an dieser Stelle wichtig ist.
Wir wissen es: Anna Seghers mangelte es nicht an wichtigen Stoffen. Krieg, Diktatur, Angst, Exil, Entwurzelung. Ihr fielen die Inhalte in den Schoßso wie allen Künstlern in Zeiten dramatischer Ereignisse. Aber so einfach ist es nicht: Man muß sich selbst in solchen Zeitenden Stoff erarbeiten, mit ihm ringen, wachsein für seine Anwesenheit, auch wenn er inzwischen leiser geworden ist. Die Stoffe sind aber – heute wie damals – da, unter uns, sie warten darauf, gehoben zu werden. Man muss nur horchen.
Doch was bleibt wirklich zu sagen und zu tun übrig, was künstlerisch zu gestalten, nachdem wir den Wohlstand – den relativen – geschaffen haben? Wo sind unsere Schlachtfelder? Wo sind unser Bangen, wo unsere unbedingte Leidenschaft, unser massloses Aufbegehren – masslos nicht massvoll, denn die Disziplinierung kommt früh genug -, unsere Rebellion, unsere enttäuschten Hoffnungen, unser Exil, unsere Flucht? Auf wie viel Sicherheit und Wohlstand, auf wie viel Erfolg sind wir bereit zu verzichten, um wieder wirksam und energisch zu werden? Wir, die Gesättigten. Wann sind wir bereit, die Lethargie zu verlassen,auszuschwärmen und das zu sein, was Schriftsteller angeblich ausmacht: sensible Fühler für das prachtvolle Leben und das geschundene Leben? Wann geben wir die narzisstische Nabelschau auf? Oder wie ich im Roman Der kurze Weg nach Hause schrieb: Was für Entscheidungen muss man treffen, damit das Leben beginnt?
Für meinen Vater gestaltete sich als junger Mann die Welt einfach: Hier stand er, und dort standen die Kommunisten. Mit drei Brötchen am Tag und einem dünnen Anzug musste er überleben, und er hat überlebt. Er ist heute ein alter Mann, aber seine Sinne sind jung geblieben. Wenn ich ihm zuhöre oder anderen Alten, Armen, Entwurzelten, einfachen Menschen, dann funkeln Perlen in ihren Geschichten.
Ich hingegen kenne den Mangel nicht und den Verlust nur wenig, nämlich als Bruch, der entstand, als ich über Nacht aus meiner ersten Heimat, Rumänien, in meine zweite Heimat, die Schweiz, von den Eltern gebracht wurde. Ich lebe satt und ich lebe gut. „Mit drei Brötchen am Tag würde ich verhungern“, lasse ich im selben Roman den Protagonisten seinem Vater erklären. Bisher ist für michalles gutgegangen. Aus dem reichen Fundus an Geschichten meiner ersten Heimat - den sie mit Armut und Rückständigkeit bezahlt – machte ich Literatur. Manchmal frage ich mich: „Wann landest auch du beim Banalen?“ Und ich weiss, dass ich beim Banalen auch dann lande, wenn ich nur noch diesen Fundus benutze.
Aber mir ist die menschliche Existenz als solche zu wichtig, als dass ich ihr immer die gleichen abgetragenen Kleider anzöge. Deshalb möchte ich in meinem dritten Roman eine Richtungsänderung vollziehen. Nicht mehr Ost-West, sondern Nord-Süd. Keine osteuropäischen Schicksale mehr, sondern mittel- und südeuropäische, schweizerische und italienische. Das Reisen hingegen – wie in den ersten beiden Romanen – muss weiterhin sein; es scheint, dass meine Helden mit mir eines gemeinsam haben: Sie sind an keinem konkreten Ort zu Hause sondern in der Lücke dazwischen.
Muss man aber dauernd reisen, im Exil leben, um sein Leben fürchten, arm werden, um etwas Relevantes zu sagen? Nein, aber Fragen soll man sich stellen. Habe ich wirklich etwas zu sagen? Wenn ja, dann tue man es unbedingt und substantiell. Man setze auf die gründliche Recherche, auf das offene Ohr und die Neugierde für die Umwelt. Man entwickle und verfeinere einen Sinn für interessante, ja notwendige Inhalte und eine Sprache, die auf der Höhe dieser Inhalte ist. Das ist auch mein Ziel, und ich halte es für ein Gegenmittel gegen die narzisstische Nabelschau.
Die innere Einstellung prägt also die Intensität mit der man etwas tut, in unserem Fall schreiben. Die äusseren Bedingungen geben der Kreativität eine Richtung. Manchmal wünsche ich den Schweizern die Armutund bastle mir so aus diesem Land eine mir bekanntere Heimat. Eine aber, in der den Künstler die Themen niemals ausgehen. Ich stelle mir rostige Industrieanlagen, Häuser voller Unrat und Ratten, vernachlässigte Kühe und Schlangen von Menschen vor Brotläden oder Tankstellen vor. Die Menschen tragen dann nicht polnische, russische oder rumänische Namen, sondern heissen Ueli Maurer oder Christoph Mörgeli. Christoph Blocher, diesen helvetischen Industriellen und Populisten, mit der Einkaufstasche losziehen lassen, auf der Suche nach Kaffee, Gurken und Kartoffeln - das wäre was. Bin ich böse oder zu hart mit meiner zweiten Heimat? Vielleicht. Doch während Dürrenmatt sich radikal das Ende der Schweiz vorstellte, bin ich bescheidener: Ich stelle mir bloss eine andere Schweiz vor. Fühlen Sie sich hier in Deutschland nicht sicher: Es könnte auch Sie treffen.
In der Armut und in der Diktatur entstehen Mut, Phantasie, Humor, Ironie und Erfindungsgabe. Nicht umsonst verehren wir südamerikanische Literatur oder Filme. Ich will aber nichts beschönigen: Die schrecklichsten Formen der Lüge, Furcht, Manipulation und Maskenhaftigkeit erblühen ebenfalls. Im Wohlstand und inden kapitalistischen Demokratien gibt es unermessliche Chancen: Man kann sich nach vielen Seiten entfalten und Person werden. Die Maske aber - eine andere Art von Maske freilich -, legt sich sanft auf unser Gesicht im Namen der Karriere, des Erfolgs, der Optimierung der eigenen Persönlichkeit.
Die Geschichten sind unter uns, in Berlin, Zürich, Wien, man muss nur richtig fragen und richtig zuhören. Sie sind anders unter uns als zu Zeiten von Anna Seghers; man muss sie jetzt suchen, geduldig sein und sie an die Oberfläche bringen. Dazu aber muss man mutig werden und aufbegehren, unzufrieden werden, Kind und Grossvater in einem, Verführer und Verführter. Und ein ganzer Mensch. Wenn wir nicht nur Nichts als Gespenster produzieren wollen, müssen wir das Gespensterhafte abstreifen. „Dann wird die Geschichte gut ausgehen“, sagt der kleine Alin in einem anderen Zusammenhang in meinem Erstling Wunderzeit. Er meint die Reise zusammen mit seinem Vater ins Ungewisse, von Rumänien über Rom nach Amerika, das Land der Träume, auch der enttäuschten. Doch das zu erzählen, wäre wirklich eine andere Geschichte.